Südwestmetall: IG-Metall-Forderung nach Lohnzuschlag für reduzierte Arbeitszeit ist diskriminierend und rechtswidrig

Thede: Gewerkschaft muss diesen Teil ihrer Forderung überdenken und zurückziehen

Erstellt am: 08.12.2017

Thede: Gewerkschaft muss diesen Teil ihrer Forderung überdenken und zurückziehen

REUTLINGEN – Die Metallarbeitgeber in den Regionen Reutlingen, Tübingen, Calw, Freudenstadt und Zollernalb haben die Forderungen der IG Metall in der laufenden Tarifrunde als „nicht realisierbar und in Teilen ungerecht“ bezeichnet. „Insbesondere die Forderung nach einem Lohnzuschlag für Beschäftigte mit Kindern oder Pflegebedarf, die ihre Arbeitszeit reduzieren, ist nach unserer Einschätzung diskriminierend und sogar rechtswidrig“, sagte Reiner Thede, stellvertretender Vorsitzender von Südwestmetall und Vorsitzender der Bezirksgruppe Reutlingen, am Donnerstag in Reutlingen.

Die IG Metall fordere diesen Lohnzuschlag von 200 Euro pro Monat für Beschäftigte mit Kindern und Pflegeaufwand, die ihre Arbeitszeit um mindestens zehn Prozent reduzieren und dann immer noch mehr als 28 Stunden pro Woche arbeiteten. Faktisch führe dies dazu, dass alle Teilzeitbeschäftigten, die schon heute 31 Stunden und weniger arbeiteten, keinen Zuschlag bekämen, sagte Thede: „Stellen Sie sich die alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern vor, die wegen der Kinder schon heute nur halbtags arbeiten kann. Sie bekäme keinen Zuschlag. Der verheiratete Vater mit einem Kind hingegen, der aus der Vollzeit auf 31 oder 28 Stunden absenkt, bekäme 200 Euro Zuschlag. Das ist eine diskriminierende Ungleichbehandlung, die wir nicht akzeptieren können.“ „Im Extremfall“, ergänzte Dr. Jan Vetter, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Reutlingen, „werden zwei Beschäftigte mit exakt derselben Arbeitszeit von 28 Stunden, und denselben Voraussetzungen, das heißt Betreuung von Kindern oder Pflegeaufwand, unterschiedlich entlohnt. Dies würde zu unterschiedlichen Stundenlöhnen führen, was wiederum eine Benachteiligung unserer jetzigen - meist weiblichen - Teilzeitkräfte bedeutet und  innerhalb der Belegschaft zu einer erheblichen Unruhe führen wird“.

Der Bezirksgruppenvorsitzende forderte die IG Metall auf, diesen Teil ihrer Forderung dringend zu überprüfen und gegebenenfalls zurückzuziehen: „Gut 80 Prozent unserer Teilzeitbeschäftigten sind Frauen, die hier benachteiligt würden. Wir können keine tarifvertragliche Lösung mittragen, die offensichtlich rechtswidrig wäre.“ Die Gewerkschaft werde ja wohl nicht auf die Idee kommen, diese Ungerechtigkeit dadurch zu beseitigen, dass der Zuschlag einfach für alle Teilzeiter bezahlt werden solle: „Es liegt doch auf der Hand, dass das dann aus dem Verteilungsspielraum in dieser Tarifrunde bezahlt werden muss. Dann würde für die anderen Beschäftigten ja nichts mehr übrig bleiben für eine Lohnerhöhung.“

Thede kritisierte zudem erneut die Forderung der Gewerkschaft nach einem einseitigen Anspruch der Arbeitnehmer, ihre Arbeitszeit auf zwei Jahre befristet auf bis zu 28 Stunden pro Woche abzusenken, verbunden mit einer Rückkehrgarantie in Vollzeit: „Es gibt bereits einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit.“ Zudem“, so Vetter,  „gibt es in den Betrieben kaum Probleme bei der Rückkehr in Vollzeit. Auch hat die IG Metall bislang keinerlei Nachweis für das Gegenteil erbracht.“

Hinzu kommt dabei noch, dass die Beschäftigten nach Vorstellung der IG Metall frei wählen können sollen, wie lange sie in Teilzeit gehen und wie sie dabei ihre Arbeitszeit verteilen. „Das würde die Unternehmen vor schier unlösbare Herausforderungen stellen, für die entstehenden Arbeitszeitlücken einen Ersatz zu organisieren“,  sagte Vetter.

„Ein solcher Anspruch auf Teilzeit würde unser Unternehmen vor erhebliche Organisationsprobleme stellen“, sagte Thede, der auch geschäftsführender Gesellschafter der Erbe Elektromedizin GmbH in Tübingen ist. „Stellen Sie sich vor, in einem Projektteam in der Entwicklung mit acht Mitarbeitern verkürzen drei Mitarbeiter auf 28 Stunden, fehlen also jeweils einen Tag pro Woche. Wenn einer montags, einer mittwochs und einer freitags fehlt, habe ich nur noch zwei Tage die Woche, in der sich das Team absprechen kann. Die Folge wird sein, dass sich die Produktentwicklungszeit verlängert und sich somit die Markteinführung verzögert. Bei unseren innovativen Produkten ist der Vorsprung damit dahin und die Konkurrenz zieht davon. Auch in der Wirtschaft gilt, wer zu spät kommt, den bestraft der Markt.“

Cay Nasner, Geschäftsführer der Baumann GmbH in Lichtenstein, ergänzt: „Der Anspruch eines jeden Mitarbeiters würde bei uns im Schichtbetrieb die Arbeitslast für alle anderen Schichter über das verträgliche Maß  hinaus erhöhen. Wir haben ja eine Fürsorgepflicht für alle unsere Mitarbeiter. Darüber hinaus wäre ein solches Vorgehen organisatorisch für ein Unternehmen unserer Größe nicht zu bewältigen. Und eine Personaldecke, die dies ermöglichen würde, ist für einen Mittelständler schlicht nicht darstellbar.“ Wir brauchen“, so Nasner weiter, „passgenaue, individuelle Lösungen. Was möglich ist, machen wir als mittelständisches Unternehmen mit einem familiären Betriebsklima bereits heute möglich: Mit einem Mitarbeiter haben wir aus familiären Gründen einvernehmlich die Arbeitszeit über einen gemeinsam festgelegten Zeitraum reduziert. Wir sehen also gar keine Notwendigkeit, hier etwas tariflich draufzusetzen.“

„Im Übrigen ist mir auch nicht klar, wie das Mindervolumen kompensiert werden soll – zumal bei einem ohnehin schon leergefegten Arbeitsmarkt“, so Vetter: „In Frage komme hierfür ja nur eine befristete Teilzeit-Ersatzeinstellung, die Zeitarbeit oder das Outsourcing von Aufgaben, was die IG Metall bekanntlich als „prekäre Beschäftigung“ verteufelt, oder eine von den Beschäftigten und den Betriebsräten regelmäßig nicht erwünschte größere Belastung durch eine Arbeitsverdichtung.“

“Die Metallarbeitgeber erneuerten ihre Forderung nach Möglichkeiten für eine bedarfsorientierte und bezahlte Ausweitung des Arbeitsvolumens. „Mir leuchtet es nicht ein, warum sich die IG Metall dagegen sperrt, dass Beschäftigte auch bezahlt 40 Stunden arbeiten dürfen, wenn sie dazu bereit sind und es dafür einen betrieblichen Bedarf gibt“, sagte Thede: „Das tarifliche Monatsentgelt würde dadurch für solche Beschäftigte um mehr als 14 Prozent steigen. Das ist doch ein attraktives Angebot und käme vielen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso entgegen wie unsere Vorschläge zu mehr Flexibilität bei der Verteilung der Arbeitszeit.“

Der stellvertretende Südwestmetall-Vorsitzende verwies zudem darauf, dass am Mittwoch zum Auftakt der 2. Verhandlungsrunde in Bayern und weiteren Tarifgebieten ein Entgeltangebot auf den Tisch gelegt wurde. Dieses sieht für die ersten drei Monate 2018 eine Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro sowie eine Erhöhung der Tarifentgelte um 2,0 Prozent ab dem 1. April 2018 für weitere zwölf Monate vor und bedeutet ein deutliches dauerhaftes Reallohnplus für die Beschäftigten. „Die wirtschaftliche Lage ist ordentlich, unsere Industrie bietet sichere, gute und sehr gut bezahlte Arbeitsplätze. Aber unsere Industrie steht vor großen Umwälzungen. Ich nenne hier nur die Digitalisierung, die Elektromobilität oder den demografischen Wandel. Dafür müssen unsere Unternehmen viel Geld in die Hand nehmen, um die Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern. Wir sollten daher heute nicht mehr verteilen, als wir in vielleicht schlechteren Zeiten tragen können.“

Anbei unsere Presseresonanz:

Schwäbisches Tagblatt vom 09. Dezember 2017
Schwarzwälder Bote vom 12. Dezember 2017

Südwestmetall
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Datum: 4.8.2020

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